Das Amphitheater des Hauses DorchaKerun war klein, vor allem im Vergleich zu den großen Arenen der namenhaften Hagashîn-Kulte. Klein, aber sehr exklusiv. Eine eigene Arena zu unterhalten, war für eine Kabale ohnehin unüblich, aber DorchaKerun war ein altes Adelshaus, und wenn das im heutigen Commorragh auch nicht mehr viel Bedeutung hatte, so legte der Hohe Herr doch großen Wert auf standesgemäße Unterhaltung. Seine Gäste sollten sich nicht mit dem einfachen Pöbel in den großen Vergnügungstempeln gemein machen. Komfortable Logen waren in die Fassade eines Nebenturms des Palastes eingearbeitet. Sie blickten hinunter auf den halbmondförmigen Kampfplatz, dessen Kulisse die terrassenförmig ansteigenden Anlagen des fürstlichen Gartens bildeten, alles überspannt von einer transparenten Kuppel, die das trübe Zweilicht Commorraghs in eine anhaltende, blaue Abenddämmerung verwandelte.

Nur eine Handvoll der Logen war besetzt. Quisar hatte eine Auswahl seiner Günstlinge und Verbündeten eingeladen, zumeist Individuen, deren Anwesenheit sein Vater wenig schätze: Anführer von Hellionbanden und Reavergangs, fremdartige Söldner, die Solarite einer Harpyienrotte.

Unvermittelt wurde der Kampfplatz in ein grünliches Licht getaucht, das Licht des Jägermondes, des Wappens des Hauses DorchaKerun. Alle Gespräche, die unter den Gästen bis eben noch geführt wurden, verstummten. Eine runde Öffnung im Boden zog sich auseinander und eine Hebebühne beförderte eine massive Gestalt nach oben. Erst als sie völlig im grünen Licht stand, war sie zu erkennen. Ein Chem-Pan-Sey von gewaltiger Größe und Statur. Runde, metallische Implantate glänzten gleichmäßig über den nackten Körper verteilt. Die helle Haut war mit Schmutz und getrocknetem Blut, schwarz im grünen Licht, verdreckt, die langen, gelblichen Haare verfilzt. Im halb geöffneten Mund waren kurze Reißzähne zu erkennen. Ein schimmerndes Stasisfeld hielt die Kreatur fest.

Ausrufe des Entzückens waren aus den Logen zu hören. Losseainn waren die mächtigsten Krieger, die dieses primitive Volk aufzubieten hatte. Die Gäste konnten sich auf einen brutalen Kampf freuen. Zufrieden lehnte Quisar sich in seinem Sessel zurück.

Das Stasisfeld wurde deaktiviert. Der Krieger schlug die Augen auf, die Iris stechend gelb, und sah sich kurz um. Er gab ein dunkles Knurren von sich, dann drehte er sich um und rannte auf die zum Garten offene Rückseite des Kampfplatzes zu. In Sekundenschnelle wuchs eine verschlungene Dornenhecke aus schwarzem Metall etliche Meter empor und schloss die Fläche ein. Der Krieger bremste ab, kam aber nicht mehr rechtzeitig zum Stehen und prallte mit der Seite in die Hecke, die Arme schützen vor das Gesicht gehoben. Er trat zurück, sah die metallene Wand hinauf und brüllte lauthals. Blutfäden rannen aus den Einstichen an seinem Rücken. Dann drehte er sich zu den Logen um.

„Du siehst, hier gibt es keinen Ausweg“, hallte Quisars Stimme süffisant über den Platz. „Wir würden eine offene Szene bevorzugen, also sei so gütig, und versuche das nicht noch einmal.“ Das Publikum belohnte seine Rede mit höhnischem Gelächter wohl wissend, dass die geistlose Kreatur kein Wort verstanden haben konnte.

Der Krieger stand unschlüssig da. Hinter ihm zog die Dornenhecke sich in den Boden zurück und gab wieder den Blick auf die mit exotischer Vegetation bepflanzte Terrassen frei. Dann öffnete sich in der Fassade unterhalb der Logen ein Tor. Rötlicher Lichtschein fiel auf den Platz. Ein Schatten zeichnete sich darin ab, dann zwei, dann weitere. Als sie in die Arena getreten waren, konnte auch die Zuschauer sie erkennen: Eine schlanke, muskulöse Frau, barfuß, in einem dunklen, enganliegenden Anzug, der viel Blick auf ihre elfenbeinfarbene Haut zuließ, nur der linke Arme und das linke Beim mit leichten, lamellenartigen Panzerplatten bedeckt. Ihr Gesicht war verborgen unter einer kunstvoll gearbeiteten, vogelähnlichen Maske aus blauen, schuppenförmigen Federn, unter der lange, vielfach verflochtene Haare hervorwallten. In der rechten Hand hielt sie einen Speer. Sie wurde begleitet von sechs vierbeinigen Tieren mit Köpfen wie Raubvögel, schuppengefiederten Hälse, jedes in einer anderen Farbe, und unterschiedlichen Fellmustern. Ein Raunen ging durch die Zuschauer. Weibliche Bestienmeister waren ein ungewohnter Anblick, noch ungewohnter als der Gegner, der ihr bei diesem Schauspiel gegenüberstand.

Sie blieb stehen, die Tiere mit ihr. Das Licht wechselte. Grüne und weiße Lichtflecken begannen über den Kampfplatz zu tanzen, als bräche Sonnenlicht sich seinen Weg durch dichtes, windbewegte Blätterdach. Wann immer die weißen Flecken sie streiften, waren die Farben der Tiere zu erkenne. Rot und Gelb, Blau, Grün, Orange und Purpur waren ihre Halsfedern, die Felle in allen Schattierungen von Cremeweiß bis blauschwarz, gefleckt, gestreift oder einfarbig. Die Haare ihrer Herrin leuchteten dunkelviolett. Die Bestienmeisterin aktivierte ihren Speer und richtete die von Blitzen umhüllte Spitze auf den Krieger. Die Tiere folgten dem Befehl und griffen an.

Der Hüne stemmte die Füße in den Boden und hob die Armee zur Abwehr. Ohne Rüstung und Waffen, die seinesgleichen im Kampf zu tragen pflegte, hatte er den anstürmenden Jagdfalken nur seine Muskelkraft entgegenzusetzen, die allerdings erheblich war. Den ersten Ansturm schlug er leicht zurück. Die Tiere landeten fauchend in Sand, rappelten sich aber sofort wieder auf und begannen knurrend ihre Beute zu umkreisen. Der Chem-Pan-Sey antwortet in der gleichen Sprache. Die Bestienmeisterin hielt sich im Hintergrund und beobachtete ihren Gegner genau.

‚Er wartet ab, er geht kein unnötiges Risiko ein.‘ Sie konzentrierte sich auf seine Bewegungen, auf seinen Gesichtsausdruck, wartete auf ein Anzeichen, wartet, dass ihre Intuition…

„Arith, Tonesh, aA‘ann aDarhathin“, rief sie laut.

Die beiden größten Tiere, das eine mit blauem Hals und schwarzem Fell, dass andere sandfarben mit roten Federn, lösten sich aus dem Rudel, sprangen zwischen die Beine des Kämpfers und attackierten seine Fersen mit ihren spitzen Schnäbeln, eben in dem Moment, als er vorstürmen wollte. Noch in der begonnenen Bewegung versuchte er die Richtung zu ändern und den beiden auszuweichen, verlor dabei jedoch das Gleichgewicht und musste sich auf einem Knie abfangen. Die vier anderen Falkenhunde ergriffen die Gelegenheit, sprangen dem Riesen in den Rücken und schlugen ihre Schnäbel und Klauen in sein Fleisch. Brüllend bäumte er sich auf, griff hinter sich, bekam zwei der Tiere zu fassen, riss sie los und schleuderte sie von sich. Der Rote und der Blaue nutzen den Moment und warfen sich gegen die entblößte Brust des Gegners.

Ein wohl choreografierter Reigen begann. Immer zwei der Jagfalken griffen an und zwangen ihren Gegner bei der Abwehr eine andere Stelle seines Körpers den Schnäbeln und Klauen ihrer Artgenossen Preis zu geben. Mit der Zeit hing seine Haut an Beinen, Armen, Brust und Rücken mehr und mehr in blutigen Fetzen. Darunter kam schwarzes Gewebe zum Vorschein. Doch der Krieger hielt immer noch stand.

Die Bestienmeisterin schritt um den Kampf herum, behielt Tiere und Beute im Auge. In ihrem Rücken, hoch oben in den Logen, johlten die Zuschauer vor Begeisterung bei jedem Stück Fleisch, dass die Falkenhunde dem Riesen vom Leib rissen. Doch sie nahm es nur am Rande wahr. So sehr konzentrierte sich auf die Tiere, dass sie deren Wahrnehmungen und Erregung bei der Jagd förmlich spüren konnte. Durch ihre Augen und Ohren nahm sie die subtilsten Reaktionen der Beute wahr, konnte ihre Bewegungen fast vorausahnen und leitete die Tiere zielgenau an die Schwachstellen des Kriegers. Gerade eben schickte er sich an, sein Gewicht auf das linke Bein zu verlagern, während am rechten bereits Fasern des Wadenmuskels herabhingen. Ein Gedanke reichte schon, und im nächsten Moment schossen der grüne und der gelbe Falke heran und prallten mit voller Wucht gegen das linke Bein. Der Chem-Pan-Sey wurde niedergeworfen und landete auf dem Rücken. Die Bestienmeisterin lächelte unter ihre Maske und gab den Tieren das Zeichen, es zu beenden. In Sekundenschnelle hatte das Rudel sich gesammelt.

Doch dem Krieger war nicht entgangen, was sich abspielte, und er war noch lange nicht am Ende seiner Kräfte. Mit Händen und Füße wehrte er die Raubtiere ab, wälzte sich herum und war wieder auf den Füßen. Ohne sich weiter um die Tiere zu kümmern, stürzte er brüllend und mit gefletschten Zähnen auf die Drukhari zu, bereit, sie in Stücke zu reißen.

Oben in der Fürstenloge betrachtete Quisar die Szene mit leichter Irritation. Er winkte den Zeremonienmeister des Theaters heran.

„Gehört das zum Programm?“ fragte er.

„Nein Herr, nicht dass ich wüste.“

„Gut.“

Überrascht sah die Bestienmeisterin die gewaltige Kreatur auf sich zu stürmen. Der Riese überragte sie um mehr als die Hälfte ihrer eigenen Körpergröße. Eine direkte Konfrontation würde sie nicht überleben. Sie sprang elegant zur Seite und schwang ihre Speer nach vorne. Doch der Krieger war trotz seiner Verletzungen beweglicher als seine massige Gestalt es vermuten ließ, wich dem Stich aus und setzte ihr nach. Sie versuchte, den Kontakt zu den Tieren wieder herzustellen. Die Falkenhunde waren immer noch im Jagdrausch, ohne ihre Führung aber nicht koordiniert genug, um die Beute wieder in Schach zu halten.

Der Hüne trieb sie weiter, wich ihren Gegenangriffen aus und versuchte, sie zu fassen zu bekommen. Ohne es zu merken, näherte sie sich immer weiter dem Rande des Kampfplatzes. Im letzten Moment hielt die Bestienmeisterin inne, ehe die hervorschnellenden Dornenranken sie aufgespießt hätten. Laute der Verzückung hallten aus den Logen herab.

Sie saß in der Falle. Die Falkenhunde jagte auf ihren Angreifer zu, würden ihn aber nicht mehr rechtzeitig erreichen, um ihn von ihre abzubringen. Seine gewaltige Pranke legte sich mit stahlhartem Griff um ihren Hals und hob sie an, um sie in die Dornen zu drücken. Ihre Kehle war zusammengepresst, sie bekam keine Luft mehr, spürte, wie sich das Blut in den Halsschlagadern staute, wie ihr zunehmend schwarz vor Augen wurde. Der Speer entglitt ihren Händen.

Eine verzweifelte Eingebung kam in ihren Sinn. Es funktionierte bei Tieren, dann muss es auch bei dieser Bestie funktionieren. Untergrößter Anstrengung packte sie das Handgelenkt, so dick, dass sie es mit beiden Händen kaum umfassen konnte, und konzentrierte sich mit allem, was ihr schwindendes Bewusstsein noch zuließ, konzentrierte sich auf die Muskeln und Sehnen, die sie unter der Haut spürte. Ihre Hände wurden steif und kalt. Die Kälte begann die Arme hochzukriechen, aber sie ließ nicht nach. Der eiserne Griff lockerte sich. In ihrer Brust begann sich etwas zu verkrampfen, als wehrte es sich dagegen, aus ihr herausgerissen werden. Schmerz fuhr in ihren Kopf, als hätte jemand ein Messer in ihre Schläfe gerammt und wollte mit ihm jede Nervenfaser ihres Gesichts herausreißen. Dann gab die Faust sie frei. Sie fiel zu Boden und Rang nach Luft. Der Riese taumelte zurück und sah sie fassungslos aus seinen gelben Augen an.

„Xenos-Hexe,“ fauchte er und stürzte sich erneut auf sie. Doch die Bestienmeisterin ergriff ihrem Speer und schwang ihn nach oben. Knirschend drang die Waffe in den knöchernen Brustkorb des Kriegers ein. Sein Körper zuckte und krampfte unter den Energieblitzen. Mit einem lauten Schrei stieß sie noch einmal nach. Der Chem-Pan-Sey brach zusammen und blieb reglos liegen. Beifall grenzenloser Begeisterung überflutete den Kampfplatz.

Die Bestienmeisterin ging in die Knie und atmete tief ein und aus. Die Schmerzen in Kopf und Brust ließen langsam nach, die Wärme kehrte in ihre Arme und Hände zurück. Mühevoll zwang sie sich aufzustehen, ein Fuß, dann der andere, gestützt auf den Speer. Auch als Siegerin durfte sie keine Schwäche zeigen. Als sie aufrecht Stand, trat sie zu dem gefallenen Krieger herüber, schnitt mit der Klinge das Symbol des Verdunkelten Mondes in einen übriggebliebenen Hautfleck auf seiner Brust und hob dann die Waffe zum Gruß in Richtung der Fürstenloge, während die Jagdfalken sich um sie gesellten. Jetzt erst jetzt nahm sie den Applaus wahr, der ihr entgegenbrandete, doch war sie zu erschöpft, um darüber irgendeine Freude zu empfinden. Sie verneigte sich noch einmal kurz und schritt dann, umringt von dem Rudel, zurück zum Ausgang.

Im rötlich beleuchteten Vorbereitungssaal im Untergeschoss des Theaters ließ sie sich auf eine marmorne Bank fallen und nahm ihre Maske ab. Die purpurroten Haare hingen ihr wirr in die Stirn. Sie schlug die Hände vors Gesicht und holte tief Luft.

Was war da eben passiert?

Zu einfachen Tieren konnte sie schon immer eine Verbindung herstellen. Sie war stolz auf dieses Talent, auch wenn sie sich nicht erklären konnte, wie sie es fertigbrachte. Die meisten Bestienmeister der Hagashîn-Kulte hielten ihre Zöglinge mit Gewalt und Pheromonen unter Kontrolle. Sie hatte das nicht nötig, sie war besser. Aber nie hätte sie gedacht, dass das auch bei halbintelligenten Kreaturen wie einem Chem-Pan-Sey möglich war. Sie hatte die Kontrolle über seine Hand übernommen. Es war beängstigend. Die Schmerzen, das, was sie ausgelöst hatte, was auch immer das war, hätten sie töten können, das hatte sie mit jeder Faser ihres Körpers und ihres Geistes gespürt. Und auch jetzt, nachdem sie abgeklungen waren, hinterließen sie eine Art Echo, eine unerklärliche, tiefsitzende Furcht.

„Anathuriel, ich will dich beglückwünschen. Die Vorstellung war einfach mitreißend. Meine Gäste waren begeistert.“

Sie schaute auf. Quisar stand vor ihr, in seiner schwarzglänzenden Prunkrüstung, den blauviolett schimmernden Mantel mit dem silbergrauen Pelzbesatz über den Schultern.

„Ich danke Euch für das Lob, Sire“, entgegnete sie.

„Warum so förmlich?“ er trat näher und streckte seine Hand aus. Anathuriel nahm sie und erhob sich von der Bank. Er strich ihr die wirren Haare aus dem Gesicht.

„Du bist wahrlich eine Bestienmeisterin, wenn du sogar die Losseainn der Chem-Pan-Sey deinem Willen unterwerfen kannst. Jeder fragt sich, woher diese Begabung kommt. Niemand anderem hätte ich meine Felchu besser anvertrauen können. Du hast sie perfekt ausgebildet.“

Anathuriel zog es vor, die Frage zu überhören und entgegnete: „Es sind hervorragende Tiere, Sire. Sie werden Euch gute Dienste leisten.“

„Davon bin ich überzeugt. Deine Vorstellung heute hat mich auf eine gute Idee gebracht. Eine Arena ist eine kurzweilige Unterhaltung, eine Große Jagd ein einmaliges Erlebnis. Dieser Chem-Pan-Sey hat sich als robuster herausgestellt, als wir angenommen hatten. Ich will, dass du die Meute dafür trainierst. Einmal habe sie schon Blut gekosten, sie sollen es wieder bekommen.“

„Es wird mir eine Freude sein, mein Herr“, antwortete sie.

„Das wird es“, stimmte Quisar ihr zu, wandte sich um und ging.

Am Treppenaufgang wartete Sirqa auf ihn.

„Sie ist unter deiner Würde“, bemerkte sie, während sie wieder zu den Logen hinaufstiegen.

„Jede ist das, liebste Schwester“, entgegnete er. Er hielt inne, nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie. „Jede, außer dir.“

Anathuriel war schon wieder in Gedanken versunken. Sie hatte den Chem-Pan-Sey also nicht getötet. Zumindest nicht so weit, als dass die Heamonculi ihn nicht wiederherstellen konnten. Wie hatte er sie genannt? „Xenos-Hexe.“ Was mochte das bedeuten?

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