Vier schattenhafte Gestalten kauerten auf einem Dachvorsprung eines der hunderten, monströsen Wohntürme am Rand des inneren Kerns von Commorragh. Wer nicht darauf achtete, hätte sie für irgendeine Art Zierfiguren am Bauwerk halten können. Unter ihnen breitete sich eine jener freitragenden Plattformen aus, in der mehrere Brücken und Stege zusammenliefen, die die einzelnen Türme miteinander verbanden wie im Astwerk von Bäumen aufgespannte Netze von Riesenspinne.

Gegenüber ihrem Standort erhob sich die Palastfestung von DorchaKerun, der Kabale des Verdunkelten Mondes, gegen das trübe Zwielicht der Schwarzen Sonnen. Der gewaltige Hauptturm glich einem versteinerten Schachtelhalm aus dunkelgrünem, von schwarzen Adern durchzogenen Marmor, der seine Ringe aus erstarrten, fadenähnlichen Blättern in regelmäßigen Abständen vom Stängel fortstreckte. Die Spitze krönte eine zapfenartige, mattgoldene Kuppel. Eine Anzahl von kleineren Nebengebäuden ragten wie Seitentriebe aus dem massiven Sockel, der sich irgendwo im Dunst der Straßenschluchten tief unter ihnen, verlor.

Margil kam von seinem Erkundungsgang zurück. Er schlug die schwarze Kapuze zurück und strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht.

„Auf der Rückseite sind die umliegenden Gebäude näher, aber keines so nah, dass man von dort hinüberkönnte. Verbindungen gibt es nur zwischen dem Hauptturm und den Nebentürmen, Fenster gibt erst in einer Höhe, die wir von hier aus nicht erreichen können. Das Tor ist der einzige Eingang. So kommen wir da nicht rein.“

„Und du bist wirklich sicher, dass das der richtige Ort ist?“ wollte Ydril von Illurayon wissen.

„Ja“, antwortet der. „Der Turm des Grünen Mondes. Keine andere Kabale in Commorragh führt das Symbol Kurnous‘ als Banner.“

„Und weiter unten?“ wandte Firondhir sich an Margil.

Der zuckte die Schultern. „Du kannst ja auf den Grund steigen. Wenn du nur halb so viele Geschichten wie ich gehört hast über das, was sich dort rumtreibt, würdest du die Frage nicht stellen.“

Firondhir reagierte leicht gereizt. „Was du nur gehört hast, habe ich möglicherweise schon gesehen.“

„Wir werden es uns ansehen“, entschied Illurayon. „Mit Glück müssen wir überhaupt nicht bis nach ganz unten. Aber seid vorsichtig. Margil hat nicht ganz unrecht. Der Schatten, unser Verbündeter in der äußeren Welt, kann hier unser tödlicher Feind werden.“

Sie machten sich an den Abstieg. Die mit Zierbögen, Erkern und überhängenden Dächern überladene Fassade des Gebäudes machte es ihnen leicht. Nach kurzer Zeit hatte sie eine Brücke erreicht, die auf die Plattform hinunterführte. Auf den Stegen herrschte reger Verkehr. Niederes Fußvolk der Kabalen ging seinen Geschäften nach, Drukhari in dornenstarrenden Rüstungen oder wallenden Gewändern, fremdweltliche Söldner mit schuppen- oder fellbedeckten, tierähnlichen Gesichtern, vereinzelt sogar Incubi in ihren imposanten Plattenharnischen und hohen, gehörnten Helmen. Wo immer sie auftauchten, hielten die übrigen Passanten respektvoll abstand. Die fünf Ranger zogen ihre Kapuzen über und mischten sich in die Menge.

Der Platz reicht nicht bis an die Mauern des Festungsturmes heran. Eine weite Kluft trennte den Platz von dem Gebäude. Eine Brücke breit wie eine Prachtstraße, gesäumt von Standbildern in Kampf- und Siegesposen, führte auf das Tor zu. Am Geländer der Plattform einige Dutzend Schritte vom Zugang entfernt trafen die Ranger wieder zusammen und betrachteten die Szenerie.

Die gewaltigen Ausmaße des Palastes wurden erst hier, auf Höhe des Haupttores, wirklich deutlich. Er hatte den Umfang einer kleinen Stadt, umgeben von mehreren, die vorderen jeweils überragenden Mauerringen, die aus abertausenden sechseckigen Stelen aus stahlgrauem, metallisch schimmerndem Gestein zusammengesetzt schienen. Mehrere Dutzend Kabalenkrieger in schwarz glänzenden Rüstungen, golden ornamentiert, mit Helmbüschen wie aus dünnem Kupferdraht und himmelblauen Seidenschärpen patrouillierten auf dem Übergang. In den Händen hielten sie schwarz und golden polierte Splittergewehre.

Das Tor hatte eine leicht elliptische, spitz zulaufende Form, eine Höhe von mehreren Stockwerken, und war von einem Rahmen aus nach außen gebogenen Dornen aus glänzend schwarzem Metall eingefasst. In die kupferglänzenden Torflügel waren verschlungene Muster aus Tieren und Drukhari eingearbeitet, die sich in grauenvolle Kämpfe umeinanderwanden. Über allem thronte ein verzerrtes Abbild Kurnous‘, mit wildem Haar, geweihtragend, in einen Harnisch aus blutigen Häuten und Knochen gehüllt, die Mondsichel als Bogen in den Händen willkürlich auf alles zielend, was sich unter seinen Füßen regte. Je länger man hinsah, je mehr Details man entdeckte, um so grässlicher wurden die Szenen.

„Eine klare Ansage“, stellte Margil fest.

Ydril lehnte sich derweil über das Geländer. „Schaut“, rief er.

Etliche Meter unter ihnen, aber noch deutlich oberhalb des grünlichen Dunstes, ragte eine lange Bogenbrücke durch die Leere und mündete auf einem Balkon vor einer hohen, doppelflügeligen Tür im Sockel der Palastfestung. Wachen waren keine zu sehen.

„Lasst uns das in Augenschein nehmen“, sagte Illurayon.

Die Brücke war grade so breit, dass drei, vielleicht vier Aeldari nebeneinander darauf gehen konnten. Sie entsprang dem Schatten zwischen den Sockeln zweier naher Gebäude und wand sich in mehreren Biegungen dem Unterbau der Kabalenfestung zu. Eigentlich war es mehr eine schwebende Straße denn eine Brücke, an der Unterseite mit Querrippen verstärkt, wie das schwarzversteinerte, umgedrehte Skelett einer gigantischen Riesenschlange. Die Enden der Rippen bildeten eine einfache Brüstung ohne Handlauf. Sich daran anzulehnen war offensichtlich nicht der Zweck. Die Lauffläche bestand aus einzeln befestigten, rechteckigen Schieferplatten. Kreuz und quer gespannte Ketten, die unter dem verästelten Tragwerk des großen Platzes befestigt waren, hielten die Brücke an ihrem Platz.

Die Ranger glitten über die Kante der Plattform, schwangen sich in die Tragkonstruktion und kletterten dem hängenden Steg entgegen. Auf den tiefsten der geschwungenen Träger bezogen sie Position. Ein leichter, warmer Wind zog durch das Geäst aus Stein und Metall und brachte einen Geruch von Fäulnis mit sich. Bis auf wenige Geräusche, die vom Platz weiter oben hier herunter drangen, war es gespenstisch still. Der grüne Nebel in der Tiefe waberte wie ein träger Strom vor sich hin.

Prüfend besah Illurayon sich die Umgebung. Die Brücke war zu erreichen, wann man sich an den Ketten hinabließ. Die Kettenglieder waren weit genug, um Händen und Füßen spielend Halt zu geben, keine große Herausforderung für irgendeinen von ihnen. Und wie dann weiter? Das untere Tor war tatsächlich unbewacht. Aber es war verschlossen. Hoch, kaum breiter als die Straße, rechteckig und glatt und lag es in einer breiten Spalte, die zwischen den sechseckigen Steinsäulen auseinanderklaffte, die auch hier unten die Mauer bildeten. Die Säulen standen dicht zusammen wie aneinandergewachsen. Auch hier war keine Möglichkeit außer dem Tor erkennbar, in das Gebäude zu gelangen.

„Dieser Pfad ist aus Knochen und Blut gebaut.“ Ydrirs hatte gesprochen, und in seiner Stimme lag etwas unnatürlich Düsteres.

Illurayon sah noch einmal hin. Außer der Skeletform ihres Tragwerks, das aus schwarzem Metall zu bestehen schien, konnte er nichts erkennen, was Ydrir hätte meinen können. Aber jetzt spürte auch er ein unbestimmtes Grauen, dass von dem Anblick ausging.

Es regte sich etwas. Die Türflügel schwangen langsam auf. Ein schwacher, rötlicher Lichtschein drang aus dem Inneren heraus. Ein Trupp Krieger in schwarz glänzenden Plattenrüstungen kam hervor, ähnlich wie die Wachen am Haupttor, doch weniger zierreich. Illurayon signalisierte den anderen, sich nicht zu rühren.

Vom anderen Ende der Hängebrücke drangen unterdrückte Stimmen zu ihnen herauf, wenige Ausrufe, nicht laut, aber erfüllt von Furcht, Schmerz und Verzweiflung. Zwischen den Gebäuden auf der anderen Seite tauchten zuerst einige weitere Kabalenkrieger auf, jedoch in anderen Farben. Ihnen folgte eine Gruppe verschiedenster Lebewesen, etliche Aeldari, die meisten aber Chem-Pan-Sey, die übrigen Angehörige aller möglichen weiteren Völker der Galaxis. Es mussten einige Hundert sein, hagere Gesichter, eingefallene Wangen und trübe Augen, zerschundene Gliedmaßen, in Lumpen gehüllt. Hinter ihnen gingen weitere Krieger, insgesamt nicht mehr als ein halbes Dutzend. Die Gefangenen trotten monoton die Brücke entlang. Außer dem Schlurfen und Tappen der nackten Füße, dem Knarzen der Rippenkonstruktion und dem sanften Klirren der tragenden Ketten war nur selten mehr als unterdrücktes Wimmern aus dem gespenstischen Zug zu hören.

Nach einigen Minuten hatte der Tross das Tor erreicht, gerade in dem Moment, als die Torflügel ganz aufgeschwungen waren. Die Krieger von DorchaKerun nahmen die Gefangenen im Empfang, die fremden Krieger standen mit erhobenen Waffe Spalier, doch keiner folgte in die Festung. Noch bevor der letzte Gefangene im trüben Rot verschwunden war, begannen die Türflügel sich wieder zu schließen und fielen unmittelbar hinter dem letzten donnernd und Schloss, so dass das Geäst, in dem die Ranger saßen, unter ihren Füßen vibrierte. Die fremden Krieger wandten sich um in gingen den Weg über die Brücke zurück.

Die Ranger warteten noch einige Augenblicke, ehe sie sich wieder rührten.

„Jetzt verstehe ich, was du meintest, Ydrir“, sagte Illurayon dunkel.

„Habt ihre Augen gesehen?“ fragte Ydrir. „Diese Kreaturen waren bereits tot.“

Sein Bruder schüttelte ungläubig den Kopf. „Sie waren viel mehr als ihre Bewacher. Was kann einem Geschöpf mit Bewusstsein so vollständig den Willen nehmen?“

„Die Drukhari können es“, antwortete Margil, „und wie möchtest du nicht wissen.“

„Sie kennen tausend Wege“, ergänzte Firondhir. „Manche dieser Sklaven werden nach ihrem Dienst in ihre Unterkunft zurückgebracht werden. Andere kommen aus diesem Tor nie mehr hervor. Es heißt, manche der Drukhari-Fürsten seien so alt, dass sie noch den Fall miterlebt haben. Um ihr Leben zu verlängern und sich zu schützen vor Ihr, Der Dürsted, nähren sie sich am Leid und an den Seelen andere Lebewesen, zu Hunderten, jeden Tag.“

„Es waren Aeldari unter den Gefangenen“, stellte Ydril mit stockender Stimme fest.

„Sie machen keinen Unterschied zwischen ihresgleichen und anderen“, antwortete Firondhir.

„Und einen von ihnen sollen wir überreden, uns nach Zar Asuryan zu begleiten“, warf Margil spöttisch ein. „Wenn wir es erstmal schaffen, da reinzukommen“, fügte er an Illurayon gewandt hinzu.

Vor sich hin sinnend hatte Illurayon die Straße betrachte, doch als Margil ihn ansprach, blickte er auf.

„Das ist der Weg, über den wir hineingelangen. Es werden mehr Sklaven kommen, schon in Kürze, daran besteht kein Zweifel. Wir verbergen uns unter dem Weg. Wenn der Zug vorbeikommt, tauchen in der Masse unter. Im Inneren werden sich Gelegenheiten finden, zu verschwinden. Darin sind wir IstuKarun Meister.“

Ein Moment des Schweigens breitete sich aus, als würde jeder für sich prüfen, ob er Illurayon zustimmen konnte.

„Ich halte das für keinen guten Einfall“, ließ sich Ydrir leise vernehmen, mehr als hätte er zu sich selbst gesprochen.

„Ich auch nicht“, stimmte Margil zu. „Aber hast du einen anderen Vorschlag?“

„Nein“, räumte er ein. „Aber das meine ich nicht. Es wird nicht gelingen, ich weiß es.“

„Und woher nimmst du das Wissen? Ich sehe keine Runen bei dir“, entgegnete Margil.

Ydril sprang seinem Bruder zur Seite. „Ydrirs Intuition kannst du getrost vertrauen. Sie hat uns bisher nie fehlgeleitet.“

„Ich vertraue dir, Ydrir“, ging Illurayon dazwischen. „Aber ich sehe keinen anderen Weg. Kannst du mir irgendetwas sagen, was uns helfen könnte?“

Ydrir senkte verneinend den Kopf. Margil schnaubte verächtlich, doch ehe er etwas sagen konnte, sah Firondhir ihn scharf an: „Immerhin hat er den Mund auf gemacht, eher als du.“

„Keine Uneinigkeit jetzt“, befahl Illurayon. „Das können wir uns nicht leisten. Auf geht’s.“

Die fünf Ranger hagelten sich die Ketten hinab, kletterten unter den Laufweg, ließen sich auf den Rippenbögen nieder und warteten.

Es mochten einige Stunden vergangen sein. Firondhir war leicht eingenickt, als eine Erschütterung ihn unsanft aufschreckte. Die Brücke vibrierte unter ihm. Die anderen Ranger waren bereits in Habachthaltung. Margil späte über den Rand. Eben zog er den Kopf wieder zurück. Mit Handzeichen bedeutete er, was er gesehen hatte. Ein Trupp Sklave, ähnlich groß wie der erste, weniger Wachen. Hinter sich hörten sie das Knarren der sich öffnenden Torflügel. Sie gingen in Position.

Es dauerte noch einige Minuten, dann zeigten die Vibrationen der Brücke an, dass sich der Zug unmittelbar vor ihnen befand. Illurayon hob die Hand, wartete ab – und gab das Zeichen. Einer nach dem anderen zog sich die Kante des Steges hoch und glitt wie ein Schatten zwischen die dahintrottenden Sklaven. Diese reagierten kaum, ließen sich widerstandslos zu Seite schieben und schlurften einfach weiter. Die Ranger senkten die Köpfe unter ihren Kapuzen und bewegten sich lautlos mit der Masse. Nun wurde ihnen erst vollständig gewahr, welche Fesseln die Unglücklichen tatsächlich festhielten. Ihre Apathie war beinahe greifbar, wie ein dunkles, schweres Tuch, dass sich über sie legte und jede freie Regung des Körpers oder des Geistes niederdrückte. In ihrer Existenz gab es keinen Anlass, irgendetwas anderes zu tun oder auch nur zu denken als das, was man ihnen befahl. Ydrir hatte recht, dies waren keine lebenden Wesen mehr. Es verlangte den fünf Aeldari einiges an Willenskraft ab, sich nicht von der sie umgebenden Trostlosigkeit überfluten und mittragen zu lassen.

Nur noch wenige hundert Schritte, dann hatten sie das Tor erreicht.

Plötzlich geriet der Zug ins Stocken. Die Körper drängten enger zusammen, doch keiner machte einen Laut. Die Sklaven an der Spitze waren schon kurz davor, im Gebäude zu verschwinden, als sie stehen blieben. Energische Wortwechsel von unmittelbar vor dem Eingang drangen zu den Rangern hinüber. Firondhir war ihnen am nächsten.

„Uns interessiert nicht, was der Hohe Archon sagt“, schnarrte eine hohe Stimme. „Wir habe eine Abmachung mit seinem Sohn, und wir sind hier, um unseren versprochenen Preis abzuholen.“

Firondhir konnte den Sprecher sehen. Der Anblick war schauderhaft und prächtig zugleich. Hoch aufgerichtet vor den Kabalenkrieger stand ein Geschöpf in bronzen glänzender Rüstung, mit deutlichen weiblichen Formen, vogelähnlicher Maske und langen weißen Haaren. Sie war barfüßig, der Mittelfuß länger als gewöhnlich, so dass sie auf den klauenbewehrten Zehenspitzen stand, die Knie leicht eingeknickt. Aus ihren Schultern entsprangen ein Paar blauschwarz befiederter Flügel, die sie hoch über ihrem Kopf halb aufgefaltet hatte. In der Hand hielt sie eine lange Lanze, um deren gezackte Spitze hellblau gleißenden Energieblitzen tanzten. Weitere ihresgleichen hingen an der Fassade oder kauerten auf kleinsten Vorsprüngen, jeder mit einem kurzen Splitterkarabiner gewaffnet.

Die Harpyie richtete sich zu voller Größe auf und breitete die Flügel vollständig aus. Sie überragte die Krieger um mehr als eine Armlänge.

„Als Ersatz können wir auch euch mitnehmen, wir sind nicht wählerisch“, fauchte sie.

Die anderen legten ihre Waffen an. Der Krieger wich einen Schritt zurück. Er zögerte kurz, dann machten er eine abwinkende Handbewegung. Die anderen Harpyien glitten heran und landeten auf der Brüstung, wie Vögel auf den spitzen Enden der Rippenbögen balancierend. Nun kam Bewegung in die Menge. Einige der Unglücklichen schienen doch noch eine Rest Selbsterhaltungstrieb zu besitzen, der sich nun im Angesicht der geflügelten Schreckensgestalten regte. Sie drängten sich zu kleinen Trupps zusammen wie eine Schafherde, als könnten sie damit abwenden, dass die raubvogelhaften Drukhari einen einzelnen von ihnen herausgreifen würden.

Firondhir wurde nervös. Illurayon war nur wenige Schritte hinter ihm, die drei anderen noch ein gutes Stück zurück. Er bedeutete ihnen nicht näher zu kommen und begann selbst sich langsam zurückzuziehen, versucht dabei sich den Rändern der Brücke zu nähern, um wieder in der Unterkonstruktion zu verschwinden.

Dann stieß sich die erste Harpyie mit ausladenden Flügelschlägen ab, ergriff einen der Sklaven und erhob sich mit ihrer Beute in die Lüfte. Die anderen taten es ihr gleich. Panik brach aus. Die unterschiedlichen Wesen drängten jammernd in alle Richtungen. Firondhir wurde niedergeworfen.

Weiter hinten ertönte ein Schrei. Eine der Harpyien hatte Ydrir ergriffen. Sofort war Margil bei ihm und hielt ihn fest, während Ydril seine Shurikenpistole aus dem Halfter zog und auf das Unwesen feuerte. Die Klingenscheiben prallten an der bronzenen Rüstung ab oder blieben in den Platten stecken. Ydril drängte sich durch die Massen, Sklaven zur Seite stoßen, und umklammerte Ydrirs Beine. Margil indes zog ein kurzes Wurfmesser unter seinem Mantel hervor und rammte es der Harpyie zwischen die Panzerplatten am Oberschenkel. Sie stieß einen Schrei wie ein Raubvogel aus, ließ von ihrer Beute ab und schwang sich in die Höhe. Die drei Ranger fielen zu Boden. Ydril rutschte über die Kante und hielt sich an einer der Rippen fest. Die Harpyie, inzwischen wieder gefasst, stieß auf ihn nieder.

Doch sie kam nicht weit. Ohne Vorwarnung fuhr eine gleißende Klinge durch ihren linken Flügel und trennte ihn sauber am Mittelgelenk. Vor Wut und Schmerz schreiend stürzte sie ab und verschwand im grünen Dunst. Heulend sauste ein Antigravgleiter über die Brücke hinweg. Der Hellion darauf johlte, schwang triumphieren seine Gleve und hielt seine schwarz gefiederte Trophäe in die Höhe.

„Runter hier“, rief Margil, packte den wie betäubten Ydrir und arbeitet sich durch die panische Menge zur Kante vor. Dabei erhaschte er einen Blick auf die Umgebung. Der Luftraum um die Brücke herum war zu einem Schlachtfeld geworden. Mehrere Dutzend Hellions raste auf ihren mit bunten Mustern verzierten Antigravgleitern in halsbrecherischen Manövern umher und lieferten sich wilde Verfolgungsjagden mit den Harpyien. Diese verteidigten sich mit ihren Splitterkarabinern, deren Geschosshagel ihre Gegner von ihren Boards fegten. Die Hellions hingegen ließen ihre Gleven willkürlich auf jedes Ziel niedersausen, das in ihre Reichweite kam, seien es Harpyien oder die Sklaven auf der Brücke. Das wiederum rief die Wachen auf den Plan, die nicht dulden konnten, dass der Besitz ihres Herrn zerstört und geplündert wurde. Sie nahmen die Hellions mit ihren Splittergewehren unter Feuer, hatte aber kaum eine Chance, die dahinrasenden Ganger überhaupt zu treffen. Sklaven, die in dem Aufruhr nicht von den Kämpfenden verstümmelt oder in Stücke gerissen wurden, wurden niedergetrampelt oder stürzten zwischen den Rippen der Brüstung in die Tiefe.

Margil gelang es, Ydrir bis zum Mittelstrang unterhalb der Brücke zu hieven, an dem die Stützrippen wie an einer Wirbelsäule aufgereiht. Im inneren des Trageskelets und verborgen unter seinem Mantel war er vorerst sicher.

„Blieb hier und lass nicht los“, herrschte er ihn an.

Dann arbeitet er sich von einer Rippe zu nächste zu Ydril vor, der nicht weit entfernt die Arme um eine der Bögen geschlungen hatte und sich mühte, die Beine hochzuschwingen, um auch mit den Füßen Halt zu finden. Nur noch eine Armlänge, dann hatte er es geschafft.

Von irgendwo her kam ein Hellion herangesaust, jagte mit fast senkrecht gekipptem Board über sie hinweg und hieb dabei seine Gleve durch den Rücken des Rangers. Ydril stieß einen dumpfen Schrei aus. Seine verloren ihre Kraft, er löste sich von dem Bogen, viel hinten über und verschwand, den schwarzen Rangermantel um sich wehend, im grünen Nebel. Margil schloss die Augen. Trotzdem konnte er weiter Ydrils Gesicht vor sich sehen, dass seltsamerweise völlige Ruhe zeigt.

Ein Heulen ließ ihn sie wieder öffnen. Der Hellion hatte gewendet und raste auf ihn zu. Seine grün und blau gefärbten Haare flatterten wild hinter ihm her. Die untere Hälfte des fahlen Gesichtes war hinter einer metallenen Maske aus grinsenden, nadelspitzen Zähnen verborgen. Wut und Hass überkamen den Ranger. Er zog seine Shurikenpistole und feuerte dem Drukhari einen Sturm aus Klingenscheiben entgegen. Einige Geschosse trafen das mit blauen Mustern verzierte Board, andere wehrte der Hellion mit den breiten, gekrümmten Klingen an beiden Enden seiner Gleve ab. Er war mit seiner langen Stabwaffe schon beinahe in Reichweiter und holte zum Schlag aus, als Margil ein weiteres Wurfmesser zückte und es treffsicher im Hals seines Gegners versenkte. Hellrotes Blut spitze aus der verletzten Ader. Die Gleve vollführte einen kraftlosen Abwärtsbogen eine Armlänge vor Margils Brust. Der Hellion verlor die Kontrolle über das Bord, raste gegen die Stützbögen und stürzte in die Tiefe.

Margil atmete auf. Die Aggression verließen seinen Geist, wie er es in den Schreinen gelernt hatte. Dann kletterte er zu Ydrir zurück und hoffte, dass ihre Mäntel sie vor einer weiteren Entdeckung bewahren würden.

Über ihnen flaute der Kampf derweil ab. Die Hellions hatten wohl genug und machten sich davon. Die Harpyien waren arg dezimiert, doch machten die verbliebenen sich wieder daran, ihren Anteil einzusammeln. Die Sklaven waren immer noch in hellem Aufruhr. Nun gingen die Kabalenkrieger dazwischen, schossen willkürlich in die Menge und verteilten Stöße mit den Gewehrkolben. Firondhir, der am Boden unentdeckt geblieben war, schaute auf und sah, wie zwei oder drei über Illurayon herfielen, ihn an Armen und Rumpf festhielten und trotz verzweifelter Gegenwehr davonschleppten. Er wollte aufspringen und ihm zu Hilfe eilen, doch etwas Hartes traf ihm am Kopf und ihm schwanden die Sinne.

Den Kopf auf die Knie gesenkt saß Margil auf einem der Rippenbögen unter dem Laufsteg und wartete ab. Neben ihm kauerte Ydrir. Margil war sich nicht sicher, wie viel der Junge wirklich mitbekommen hatte. Ob er gesehen hatte, wie sein Bruder gestorben war. Ydrir hatte recht behalten: Es hatte nicht gelingen können. Und er konnte weder ihm noch Illurayon noch sich selbst die Schuld dafür geben.

Über ihnen war es nun wieder totenstill, nur der schwache Wind zog leise säuselnd durch das Tragwerk. Margil erhob sich seufzend und kletterte auf den Laufsteg. Oben angekommen schaute er sich um. Der Boden war blutverschmiert, vermischt mit schwarzen Federn. Doch die Leichen hatten die Wachen bereits entfernt. Was damit geschehen mochte, wollte er sich nicht ausmalen. Von Illurayon und Firondhir fand er keine Spur.

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