Zwei Kabalenkrieger in schwarzglänzenden Prachtuniformen öffneten die mächtigen, bronzenen Türflügel zum Großen Saal. Quisar veranstaltete fast täglich Gelage für seine Verbündeten und bediente sich dabei ungeniert der Räumlichkeiten seines Vaters, des Hohen Archons, im Inneren Palastbezirk hoch in der Spitze des Hauptturms der Kabalenfestung. Der ovale Raum nahm eine ganze Etage ein. Die hohe, gewölbte Decke wurde von einer Vielzahl pflanzenstielartiger Pfeiler getragen. In den Wänden ließen gestapelte Reihen sechseckiger Öffnungen wie Bienenwaben das bleiche Zwielicht der Gestohlenen Sonnen in den Saal. Die sterbenden Sterne schienen hier oben fast zum Greifen nahe. Vorhänge aus nachtblauen, fast durchsichtigen Gazestoffen wiegten leicht im Luftzug.

Von einer umlaufenden Galerie führten mehrere Ebene breiter, jadegrüner Marmorstufen bis zum mit Tiermosaiken verzierten Boden des Saales. In kleineren und größeren Gruppen lagerten hier die Gäste auf farbigen Teppichen und großen, runden Polstern, ließen sich von sparsam bekleideten Sklaven verschiedenster Rassen mit Speisen und Getränken bedienen oder gingen ungeniert anderen Vergnügungen nach. Am hinteren Ende des Ovals, dem Eingang gegenüber, erhob sich ein mehrstufiges Podium, auf dem, unter einem tiefgrünen Baldachin, Quisar und sein engster Kreis Hof hielten, hinter ihnen das Banner des Grünen Mondes.

Anathúriel betragt den Saal und schritt die breite Treppe zum Grund des Ovals hinab. Ihr purpurrotes Haar waren zu einer aufwändigen, filigranen Frisur geflochten, durchsetzt mit blauen Federn. Über den Augen trug sie eine goldene, schnabelförmige Halbmaske. Das schulterfreie, tief dekolletierte Kleid bestand aus zahllosen Schichten blauen, beinahe durchsichtigen Musselinstoffes. Eine breite, goldbestickte Schärpe hielt die Lagen zusammen und betonte ihre Körperformen. Die obersten Lagen des Rockes waren um die Hüften üppig hochgebunden und fielen zu einer kurzen Schleppe. Mit jeder Bewegung nahmen die Falten einen anderen Schimmer von Blau an. Doch nicht nur ihr Erscheinungsbild zog etliche Blicke der Gäste auf sich. In perfekter Dreiecksformation paradierten die sechs Falkenhunde hinter ihr, der rotfedrige Arith stolz erhobenen Hauptes an der Spitze. Vor dem Stufen zu Quisar Thron blieb sie stehen und verneigte sich ehrerbietig auf einem Knie. Die Tiere legten sie wie auf ein unhörbares Kommando nieder.

Quisar richtete sich von seinem breiten podestartigen Thronsessel leicht auf, betrachtet gönnerhaft seine Tiere und ihre Trainerin und machte eine einladende Handbewegung. Anathúriel erhob sich und gab den Tieren ein Handzeichen. Sofort sprangen sie auf, erklommen die Treppe und scharrten sich um den jungen Archon. Der bedachte jedes von ihnen mit einigen Streicheleinheiten und ließ sie sich Plätze suchen, wie es ihnen beliebte. Sirqa, die neben ihrem Bruder saß, schien nur mäßig angetan von der Anwesenheit der Tiere. Aber noch weniger von der Anwesenheit der Bestienmeisterin.

„Anathúriel, geselle dich zu uns“, sagte Quisar und wies auf einen freien Platz eine Stufe unterhalb seines Sessels. Sirqa verzog angewidert das Gesicht.

Dies war keine Einladung, sondern ein Befehl. Aber zugleich auch eine kaum zu übertreffende Würdigung, zu Füßen eines Archons platznehmen zu dürfen. Anathúriel ließ sich auf den Polstern nieder und ließ ihren Blick über die anderen Höflinge schweifen. Luxus, Macht und Privilegien, das waren die Dinge, die diese Individuen durch die Nähe zum Archon zu erlangen suchten. Manch einer vielleicht sogar noch mehr. Die, die hier und heute vertraulich mit Quisar scherzten, konnten morgen schon versuchen, ihn zu beseitigen. DorchaKerun war ein uraltes Adelshaus, in dem die Traditionen aus der Zeit vor dem Fall noch weiterlebten. Quisar war nicht der erste Sohn des Herren von DorchaKerun. Aber er war derjenige, der am geschicktesten dafür sorgte, dass seine Halbgeschwister verschwanden, noch bevor sie zu einer Bedrohung für ihn heranwuchsen – und die Mütter am besten gleich mit. Manch eine ehrgeizige Konkubine seines Vaters mochte das aber nicht abhalten, für sich und ihr Kind ihm seinen Titel streitig zu machen und sich dafür auch jener zu bedienen, mit denen er sich umgab.

Hinter Quisar, im Halbschatten zwischen Vorhängen, standen wie Statuen schwer gerüstete Incubi, ihre breiten Klaivar-Schwerter in Händen. Incubi waren bedingungslos loyal gegenüber ihrem Auftraggeber, solange er sie entlohnte. Und nicht zu vergessen seine Schwester. Gerüchte gingen, dass die beiden ein besonders enges Verhältnis zueinander hatte. Kein Gerücht jedenfalls war, das sie eine der talentiertesten und ehrgeizigsten Lhameas war, die in den letzten Jahren aus der Schwesternschaft der Lhilitu hervorgegangen war. Wer ihrem Bruder zu nahe kam, sollte achtgeben, was er zu sich nahm oder auch nur anfasste.

Für Anathúriel hatten die Machtspiele des Hofes wenig Bedeutung. Ihr Ehrgeiz lag in ihrer eigenen Kunst. Quisar wusste das. Und sie wusste, dass die Nähe zum zukünftigen Herrn der Kabale für sie von Vorteil sein konnte. Sie nahem den dunkelgrünen Kristallkelch mit golden schimmernder Flüssigkeit an, den ein Sklave ihr reichte, und hob ihm mit einem Lächeln dem jungen Archon entgegen. Er antwortete mit einem kurzen Nicken.

Nach dem er ein Gespräch mit irgendeinem zweitrangigen Dracon beendet hatte, wandte Quisar sich Anathúriel zu. Derweil hatte Arioth, die Falkenhündin mit den goldgelben Federn und dem milchweißen Fell, sich an die Seite der Bestienmeisterin gelegt und döste vor sich hin.

„Sie scheint an dir mehr zu hängen als an mir“, bemerkte Quisar.

„Ich habe es nicht darauf angelegt, Sire“, antwortete Anathúriel. „Aber diese Wesen haben einen starken Willen und einen eigenen Kopf.“

„Zum Glück nicht stark genug für deinen“, entgegnete er. „Apropos.“

Er neigte sich leicht zu ihr hinunter und senkte seine Stimme.

„Ich zerbreche mir schon seit Tagen den Kopf über eine Sache. Der Chem-Pan-Sey. Wir haben ihn wohl stark unterschätzt. Wir dachten, ohne seine alberne Rüstung und seine grobschlächtigen Waffen wäre er eine leichtere Beute. Aber wir scheinen ein Exemplar einer besonders wilden und starken Rasse erwischt zu haben. Sie mögen primitiv sein, dennoch, du weißt so gut wie ich, dass sie mehr sind als gewöhnliche Tiere. Sie haben Verstand. Ich frage mich immer noch, wie es dir gelungen ist, den Losseainn dazu zu bringen, dich loszulassen.“

Anathúriel schwieg. Selbst wenn sie eine Antwort gewusst hätte, sie wollte den Vorfall möglichst vergessen, nicht mehr daran erinnert werden. Denn jedes Mal, wenn sie daran zurückdachte, war der beklemmende Nachhall der Schmerzen wieder da. Und damit nicht genug. Kurz nach jenem Tag hatten die Alpträume begonnen. Ein formloser Schrecken suchte sie heim, immer wieder. Er nahm keine Gestalt an, er existierte nur als Gefühl, aber als eines, das lebendig war, das einen eigenen Willen hatte. Und dieser Wille zog sie an, so unwiderstehlich, dass sie jedes Mal kurz davor war, ihm nachzugeben, ehe sie aufwachte.

„Ich kann es nicht erklären, Sire“, antwortete die ausweichend. „Jedenfalls nicht mit irgendetwas, was ich getan hätte. Vielleicht hat der Chem-Pan-Sey die Nerven verloren.“

Ihr war selbst bewusst, die dumm sich das anhörte. Die Losseainn waren sogar in Commorragh allgemein dafür bekannt, die ausdauerndsten Krieger ihrer Rasse zu sein, kein Vergleich zu ihrem schwächlichen kleineren Artgenossen, die oft schon beim Anblick von Drukhari-Kriegern weinend zusammenbrachen.

Sie sah Quisars missmutigen Gesichtszügen an, dass er grade genau etwas in diese Richtung erwidern wollte, als einer seiner Hierarchen von der anderen Seite an ihn herantrat und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Sofort war seine Aufmerksamkeit an anderer Stelle. Erleichtert atmete Anathúriel aus, lehnt sich in die Polster zurück und griff nach ihrem Becher. Der schimmernde Trunk wirkte beruhigend und belebend, als würde er die tiefsitzende Furcht, die wieder aufgerührt worden war, betäuben. Beiläufig begann sie durch Arioths goldgelbe Halsfedern zu streicheln. Die Hündin schnarrte zufrieden.

Quisar erhob sich von seinem Sessel und gab den Torwachen am anderen Ende der Halle ein Handzeichen. Sie öffneten die Türflügel.

„Meine Freunde“, proklamierte her lauthals in den Saal, „mir wurde soeben zugetragen, dass zwei besondere Gäste uns ihre Aufwartung machen wollen.“

Die Aufmerksamkeit der meisten Anwesenden richtete sich auf die Pforte. Ein kleiner Trupp Kabalenkrieger betrat die Halle. In ihrer Mitte führten sie zwei Gestalten, die beim Näherkommen als Aeldari zu erkennen waren. Die Kleider waren ihnen von den Leibern gerissen worden, sie sahen zerschlagen und zerschunden aus. Das lange, schwarze Haar des einen war an der Schläfe von Blut verkrustet. Der andere konnte sich kaum auf den Beinen halten und wurde von den Wachen mitgeschleift. Seine Augen waren blutunterlaufen und der Körper überzogen mit Schnitten und Einstichen, aus einigen rann noch Blut. Vor den Stufen zum Thron wurden die beiden auf die Knie niedergeworfen. Die Wachen hielten ihnen ihre Splittergewehre in den Nacken.

„Abgesandte von unseren Brüdern auf den Weltenschiffen besuchen uns“, hob Quisar wieder an zu sprechen. Erstes spöttisches Gekicher war aus den Reihen der Gäste zu vernehmen.

„Und wie ich erfahre habe, kommen sie mit einem Ersuchen zu uns“, fuhr er fort. „Mit einer Einladung.“ Gönnerhaft schaute er von seinem Podest auf die Asuryani zu seinen Füßen herab und wandte sich mit einer ausladenden Geste an den Dunkelhaarigen. „Du warst so großzügig, meine Diener über euer Anliegen zu informieren. Nun erlaube ich dir, es mir und meinen Gästen vorzutragen.“

Der Angesprochene senkte den Kopf, wobei ihm die langen Haare über das Gesicht fielen, und schwieg. Der Archon stieg einige Stufen von dem Podest herunter und neigte sich dem Gefangenen entgegen.

„Nur nicht so schüchtern“, feixte er, richtet sich wieder auf und wandte sich an die Anwesenden: „Ich fürchte, einfache IstuKarun sind von der Pracht unserer illustren Gesellschaft einfach zu sehr eingeschüchtert.“ Mehr hämisches Lachen flogen ihm zu.

„Aber dennoch“, sprach er mit ernstem Tonfall und theatralisch gestikulierend weiter, „will ich euch ein derart wichtiges Anliegen unserer Vettern nicht vorenthalten. Die beiden IstuKarun hier sind zu uns gekommen, um einen von uns zu bitten, sie auf ihr Weltenschiff zu begleiten. Ist hier jemand, der diese Einladung annehmen möchte?“

Sein letzter Satz ging in schallendem Gelächter unter. Dann hob Quisar die Hand. Augenblicklich kehrte Stille ein. Sein Gesicht wurde eiskalt und verzerrte sich vor Abscheu.

„IstuKarun!“ zischte er den beiden Rangern entgegen. „Wer feige durch die Schatten schleicht, verdient es nicht, sich einen Jäger zu nennen.“ Er schnippte mit den Fingern, drehte sich um und stieg wieder zu seinem Thronsessel hinauf. Die Wachen zerrten die beiden Aeldari in die Mitte des Saales. Quisar ließ sich wieder nieder und lehnte sich in die Kissen zurück.

„AmArran“, befahl er. Die sechs Jagdfalken sprangen auf.

Firondhir war dabei, Illurayon aufzuhelfen, als er die sechs Tiere auf sie zukommen sah. Ohne Eile trabten sie heran, als wüssten sie, dass sie dieser Beute nicht hinterherhetzen mussten. Firondhir stellte sich vor seinen Freund und fasste die Geschöpfe fest ins Auge. Jedes von ihnen hatten die Statur eines großen Hundes, aber ihre Krallen waren lang und gebogen wie die einer Katze, die Schnäbel spitz und hakenförmig wie bei einem Raubvogel. Kräftige Muskeln zeichneten sich unter den verschieden gemusterten Fellen ab. Die Tiere sahen ihn aus klaren, bernsteinfarbenen Augen an. Es waren prächtige, edle Geschöpfe, nicht von Natur aus böse. Sie passten nicht an diesen Ort.

Das größte mit flammend roten Federmähne um den Hals blieb vor ihm stehen und schnarrte drohend. Firondhir atmete ruhig ein und aus, um seinen rasenden Herzschlag zu beruhigen. Es durfte nicht merken, dass er Angst hatte. Langsam richtete er sich zu voller Größe auf und versuchte dabei, sowohl die anderen Tiere als auch Illurayon im Blick zu behalten, der hilflos am Boden kauerte. Er war ein leichtes Ziel. Aber die anderen schienen das Signal ihres Rudelführers abzuwarten. Er durfte es nicht dazu kommen lassen. Langsam hob er eine Hand.

Ohne Vorwarnung sprang der Rotfederigen ihn an. Seine Klauen zogen acht blutige Streifen über Firondhirs Brust. Der Ranger wurde einige Schritte zurückgestoßen, doch es gelang ihm, sich auf den Beinen zu halten. Sofort war er wieder an der Seite seines Freundes. Das Tier landete wenige Schritte entfernt sicher auf seinen Pfoten und drehte sich wieder zu seinem Gegner um. Die anderen hielten sich immer noch zurück.

‚Das war ein Test‘, ging es Firondhir durch den Kopf. Jetzt durfte er nicht zögern. Er machte einen Satz nach vorne. Überrascht von dem Gegenangriff versuchte der Rote, ihm anzuspringen, doch der Abstand war zu gering. Die beiden prallten zusammen, Firondhir bekam den Falkenhund zu fassen, legte seinen Arm um den rotgefiederten Hals und presste ihn an seine Brust. Das Tier schrie, bis ihm die Luft ausging, und schlug mit den Tatzen um sich. Im nächsten Moment ließ Firondhir es los und sprang wieder zurück zu Illurayon. Die anderen Falkenhunde taten es ihm gleich und scharten sich um ihren Rudelführer, der sich wieder aufrappelte und seinen Federn schüttelte. Dann kam er wieder einen Schritt näher.

Erneut hob Firondhir beschwichtigend die Hände.

„Eathan“, sagte er. „Ea ainn. Ich kann dich verletzten, du hast es gesehen, aber ich will es nicht.“

Der Falkenhund stellte die Ohren auf und legte den Kopf zur Seite. Sein Schwanz zuckte nervös.

„Eathan“, wiederholte Firondhir. Um sich selbst zu beruhigen, begann er eine einfache Melodie zu summen.

Quisar war zunehmend ungeduldiger geworden, je länger das Schauspiel andauerte. So hatte er sich das nicht vorgestellt, erst recht nicht nach seiner vollmundigen Rede. Die Gäste im Saal begannen enttäuscht zu lamentieren. Was war in die Tiere gefahren? Sie hatten eine einfache Aufgabe zu erledigen. Sie hatten seinen Befehlen zu gehorchen, und nicht einem schmutzigen, dahergelaufenen Weltenschiff-Ranger. Der Archon warf der Bestienmeisterin einen finsteren Blick zu.

„Bring die Biester zur Raison“, fuhr er sie an.

Anathúriel war aufgestanden und sah der Szene ratlos zu. Ratlos, aber, das musste sie sich eingestehen, auch fasziniert. Dieser Asuryani hielt die Jagdfalken nur mit Worten zurück, zumindest schien es so. Aber sie durfte das nicht dulden. Ihr war klar, in diesem Moment stand hier mehr als nur ihr Ruf auf dem Spiel.

„Arith, amsoaA’nn!“, rief sie dem Leittier zu.

Der Rote drehte sich kurz zu ihr um und machte dann einen Satz nach vorne. Firondhir widerstand dem Reflex, zurückzuweichen und sah dem Tier in die Augen.

„Eathan“, sagte er noch einmal, diesmal mit völlig ruhiger Stimme. Er schaute kurz auf, in Richtung des Podests. Für einen Moment traf sich sein Blick mit dem der Bestienmeisterin hinter ihrer vogelähnlichen Maske.

„AmsoaA’nn!“ schrie sie wutentbrannt. Doch die Tiere waren unschlüssig, liefen ziellos zwischen ihr und dem Asuryani hin und her und legten sich schließlich einer nach dem anderen nieder. Sie musste einsehen, dass es ihr nicht möglich war, die Falken ihrem Willen zu unterwerfen. Resigniert klatschte sie in die Hände. Die Tiere erhoben sich und trotteten zum Podest zurück.

Firondhir sank erleichtert auf die Knie. Für den Moment hatte er Illurayon und sich das Weiterleben gesichert.

Quisar kochte vor Wut. Seine Hände krampften sich um die Armlehnen des Sessels. Er wusste nicht, wen sein Zorn als erstes treffen sollte: die unfähige Bestienmeisterin, den anmaßenden Asuryani oder die nutzlosen Tiere. Eine sanfte Hand strich über seine Wange. Sofort wurde es in ihm etwas ruhiger.

Sirqa legte von hinten zärtlich ihre Arme um ihren Bruder und flüsterte etwas in sein Ohr. Quisar nickte. Seine Mine hellte sich etwas auf. Während Sirqa die Stufen hinunterschritt und Anathúriel dabei einen triumphierenden Blick zuwarf, erhob Quisar sich und setzte zu einer neuen Ansprache an.

„Wie es scheint, ist meine Bestienmeisterin heute nicht in der Lage, uns mit ihrer legendären Begabung zu erfreuen.“

Anathúriel spürte einen Stich.

„Stattdessen wird meine Schwester uns eine Probe ihrer Kunst geben.“

Die Drukhari näherte sich Firondhir. Er konnte nicht anders, als sie anstarren: groß und schlank, in einem Mieder aus schwarz glänzenden Platten über dem blauviolett schimmernden Samt des Kleides. Das weite Dekolleté gab den Blick auf die elfenbeinfarbene Haut des üppigen Busens frei. Hautenge Ärmel bedeckten die feingliedrigen Arme und gingen nahtlos in Handschuhe über. Über dem noblen, aufreizend geschminkten Gesicht, eingerahmt von einem hohen, schwarzen Stehkragen trug sie das lange weißblonde Haar zu einem strengen Zopf geflochten. Firondhir stieg die Hitze ins Gesicht, als ihm bewusstwurde, dass er nackt vor der Drukhari-Frau am Boden kniete.

Sirqa nahm sein Kinn mit der Hand, hob seinen Kopf leicht an und lächelte den Asuryani an. Dann schritt sie an ihm vorbei und wandte sich Illurayon zu. Es braucht einen Moment, bis Firondhir sich von ihrem Zauber lösen konnte. Er fuhr herum.

Die Lhamea war bei dem halb bewusstlosen Ranger niedergekniet und hielt ein langes Stilett in der einen und seinen linken Arm in der anderen Hand. Firondhir kam mühsam auf die Füße, doch ehe er sie erreichen konnte, hatte die Drukhari seinem Freund einen langen Schnitt am Unterarm beigebracht. Dann ließ sie ihn los, und trat einen Schritt zurück.

„Der Asuryani scheint eine besondere Begabung im Umgang mit wilden Tieren zu haben“, sprach sie zu den Anwesende. „Wir wollen sehen, ob er auch dieses hier bändigen kann.“ Dann kehrte sie mit rauschenden Kleidern zu ihrem Platz neben Quisar zurück.

Firondhir hatte ihre Worte kaum wahrgenommen. Er hockte neben Illurayon, der sich schwer atmend auf die Arme stütze und versuchte aufzustehen. Er versuchte ihm aufzuhelfen, doch kaum dass er ihn berührt hatte, stieß Illurayon ihn grob von sich. Überrascht stolperte Firondhir zurück. Illurayon sah zu ihm hoch. Sein Gesicht war grässlich verzerrt, die Augen glasig, zwischen den zusammengebissenen Zähnen bildete sich Schaum. Firondhir erstarrte vor Entsetzen.

Ohne Vorwarnung, schneller als es selbst für einen Aeldari normal war, stürzte Illurayon sich auf Firondhir und warf ihn zu Boden. Firondhir schrie überrascht auf und versuchte, seinen Freund mit erhobenen Armen abzuwehren. Irgendwie gelang es ihm, ihn von sich zu stoßen und wieder auf die Füße zu kommen, gerade eben, bevor Illurayon erneut angriff.

Bei den Drukhari im Saal stieg die Laune wieder an. Sie riefen, applaudierten und feuerten die Kämpfer höhnisch an. Zwei Freunde, mindestens, soviel hatte fast alle mitbekommen. Und gleich welcher, einer würde den anderen töten. Das traf den allgemeinen Geschmack. Quisar lächelte zufrieden, während Sirqa mit wachsender Freude und Erregung die sich entfaltende Wirkung ihres Giftes verfolgte. Anathúriel war die Einzige im Saal, die nicht in irgendeiner Weise entzückt war.

Der Kampf zwischen den Asuryani wurde blutiger. Die beiden umklammerten sich in einem wilden Ringkampf. Der dunkelhaarige versuchte immer wieder, von seinem Freund loszukommen. Er wich den Schlägen und Tritten aus, so gut es ging. Die Stimmen aus dem Publikum wurden lauter, verhöhnten seine Zurückhaltung und feuerten seinen Gegner an. Der andere ließ nicht von ihm ab und hatte ihm bereist die Haut am Rücken zerfetzt und die eine Gesichtshälfte blutig gebissen hatte.

Verzweifelt versucht Firondhir, Illurayon von sich zu halten. Seine eigenen Verletzungen spürte er kaum.

„Illurayon, komm zu dir!“ schrie er ihn flehentlich an, zum wievielten Mal wusste er selbst nicht.

Aber sein Freund reagierte auf kein gesprochenes Wort mehr. Mit unnatürlicher Kraft entwand er sich jedem seiner Griffe, nur um ihn sofort wieder mit den Armen zu umschlingen. Er drückte Firondhir den Brustkorb zusammen, als wollte er ihn wie eine Riesenschlange ersticken. Zwei oder drei Rippen gaben knackend nach. Dann versenkte er die Zähe in seine Schulter. Nur weil es Firondhir unter furchtbaren Schmerzen gelang, den Oberkörper zur Seite zu drehen, war es nicht sein Hals.

Er spürte, wie seine Kräfte nachließen. Bei Illurayon gab es keine Anzeichen davon. Mit Mühe konnte Firondhir einen Arm frei machen und Illurayon mit dem Ellenbogen einen Schlag gegen die Schläfe versetzen. Doch der schien ihm kaum etwas auszumachen. Brüllend hob Illurayon ihn an und warf ihn auf den Mosaikboden. Firondhir landete hart auf dem Rücken und schlug mit dem Hinterkopf auf. Illurayon war über ihm, legte die Hände um seinen Hals und drückte zu.

Firondhirs Sichtfeld verdunkelte sich zunehmend. Der ganze Raum war nur noch erfüllt vom extasischen Gekreische der Drukhari. Sollten sie sich ergötzen, sie alle würden ihnen über kurz oder lang zu Sai’lanthresh folgen. Alles war fehlgelaufen. Er konnte Illurayon nicht töten. Und selbst wenn, was nutzte es? Hier gab es keinen Ausweg. So war es besser.

Etwas fuhr wie in Glockenschlag in seinen Kopf. Keine Stimme, keine Worte, aber ein Gedanke, ein Wunsch, eine Bitte. Und bedingungsloses Vertrauen, wie es immer zwischen ihnen gewesen war. Es war noch etwas von Illurayon in dieser Bestie. Etwas, das die Oberhand nicht mehr zurückgewinnen konnte, aber seinen Geist noch erreichte. Und das nicht wollte, dass er sich aufgab.

Firondhirs Lebensgeister waren wieder erwacht. Der Griff um seine Kehle war nicht lockerer. Trotzdem warf er sich hin und her, trat mit den Beinen aus, bis er Illurayon einen Tritt in den Unterleib verpassen konnte. Es braucht drei weitere, ehe er freikam. Firondhir sprang auf, und lief humpelnd die Halle hinunter, um Abstand zu gewinnen. Mit jedem Schritt bohrten sich die gebrochenen Rippen ein Stück tiefer in seine Brust. Er spürte Blut im Mund. Die Drukhari quittierten seine Anstrengung mit Gelächter.

Illurayon setzte ihm unbeirrt nach. Firondhir wich ihm aus, bis er fand, was er sucht. Stolpernd hechtete er in die Zuschauerreihen. Mehrere Tische mit Speisen und Getränken gingen zu Bruch, der Inhalt verteilte sie über die Gäste. Die waren wenig begeistert, lamentierte empört und trieben den Asuryani mit Fäusten und Fußtritten zurück in die Mitte des Saals.

Firondhir landete auf dem Boden, richtet sich halb auf. Im nächsten Moment war Illurayon wieder über ihn, bereit, sich mit seinem ganzen Körper auf ihn zu werfen. Ohne einen Moment des Zögerns rammte Firondhir ihm die Scherbe einer zerbrochenen Schale in den Unterleib. Illurayon taumelte zurück. Sein Gesicht zeigte Überraschung. Firondhir stach noch einmal zu. Die scharfen Kanten schnitten tief in seine Finger. Illurayon ging in die Knie und fiel zur Seite. Firondhir kroch zu ihm. Sein Freund sah ihn aus halb geschlossenen Augen an, die Wildheit war aus seinen Zügen verschwunden. Ein Gefühl von Ruhe und Einverständnis floss in Firondhirs Geist. Und Dankbarkeit. Tränen liefen ungehemmt über sein Gesicht. Er stieß die Scherbe tief in Illurayons Brust.

Einen Moment des Schocks kniete Firondhir neben seinem reglosen Freund und sah auf seine blutigen Hände. Dann brach er mit einem Schrei schmerzerfülltester Verzweiflung und Trauer zusammen. Doch der ging im rasenden Jubel der Begeisterung unter. Die Gäste applaudierten Quisar zu. Der hatte sich von seinem Sessel erhoben und Sirqa bei der Hand genommen. Gemeinsam nahmen sie die Ehrerbietung der Anwesenden entgegen. Niemand achtete auf Anathúriel, die auf ihrem Polster saß und wie von Blitz getroffen in Richtung des beendeten Kampfes starrte.

Es dauerte eine Weile, bis ihre Gedanken sich wieder gesammelt hatten. Ihr war, als würden ihr die letzten Minuten fehlen. Nichtsdestotrotz glühte in ihr immer noch die Abscheu gegen die Schwester des Archons und ihr hochmütiges Gebaren. Die Blamage konnte sie nicht auf sich beruhen lassen.

Inzwischen waren die Wachen dabei, den toten und den gerade noch lebenden Asuryani davon zu schleppen. Ein gewagter Einfall kam ihr von irgendwoher in den Sinn. Sie sah zu Quisar auf. Mit dem Kelch in seiner Hand prostete den Höflingen in seiner Nähe zu. Er war in Hochstimmung, vielleicht hatte sie Glück.

„Sire“, sprach sie ihn an, „darf ich Euch um einen Gefallen ersuchen?“

Sofort verfinsterte sich seine Miene.

„Recht forsch, nach deinem Versagen heute“, entgegnete er.

„Darum geht es, Sire. Ich will wissen, wie das geschehen konnte. Und wie ich dafür sorgen kann, dass es nicht noch einmal geschieht. Ich denke, der Asuryani kann mir Antworten geben.“

Quisar sah sie mit einer Mischung aus Unverständnis und Belustigung an. Dann wandte er sich an seine Schwester.

„Hast du noch Verwendung für den Asuryani?“

„Was soll ich damit?“ gab sie zurück. „Wir haben hunderte davon. Wenn ich einen brauche, lasse ich mir einen bringen.“

Quisar zuckte mit den Schultern. „Meinethalben, du kannst ihn haben, Bestienmeisterin. Aber ob du nun etwas von ihm in Erfahrung bringst oder nicht, wenn wir die Große Jagd ansetzten, will ich, dass meine Hunde wieder zu gebrauchen sind. Ich denke, zu den Konsequenzen muss ich mich nicht weiter äußern.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.